„Die Hand Gottes war immer über mir“

Der albanische Kardinal Ernest Simoni-Troshani gab in Kevelaer ein bewegendes Zeugnis über sein Leben

Mit Kardinal Ernest Simoni-Troshani hat die Medjugorje-Vereinigung Regina Pacis Kevelaer einen der letzten Überlebenden des atheistischen Schreckensregimes in Albanien nach Kevelaer eingeladen. Mehrmals war er wegen seiner Glaubenstreue zum Tod verurteilt, aber immer begnadigt worden; viele Jahre verbrachte er im Gefängnis oder in Zwangsarbeit. Auch in Kevelaer verkündete er nun seine große Botschaft der Feindesliebe nach dem Beispiel Jesu. Ohne jede Spur von Bitterkeit erzählte er, wie er diese schweren Jahre seines Lebens mit der Hilfe Gottes überstehen konnte und wie er Verachtung und Hass in Liebe, Vergebung und Frieden verwandeln konnte. „Was ich getan habe, war nicht mein Verdienst, sondern Christus in mir hat alles vollbracht“, bezeugte er. Am Wochenende bewegte der 89-Jährige alle mit seinem Beispiel.

Treu an seiner Seite war Pater Frano Dushaj, der den albanischsprachigen Kardinal interviewte und dolmetschte. „Wie sind Sie Priester geworden? Warum kamen Sie ins Gefängnis? Was war für Sie im Gefängnis das Schönste bzw. das Schlimmste? Wie sehen Sie die Zukunft der Kirche?“, waren einige der gestellten Fragen. Lebendig erzählte der Kardinal, dass er schon mit vier Jahren den Wunsch hatte, Priester zu werden und mit zehn Jahren dem Franziskanerorden beitrat. Als in seiner albanischen Heimat ein neues Regime an die Macht kam, das den christlichen Glauben vernichten und die Menschen zu Atheisten erziehen wollte, waren es seine Lehrer und Professoren aus dem Franziskanerorden, die mutig Widerstand leisteten und für ihren Glauben auch Folter und Tod annahmen. „Meine Lehrer, die zum großen Teil Märtyrer wurden, haben mir die Wichtigkeit des Glaubens gezeigt. Sie waren bereit, für ihren Glauben zu sterben. Was ich bin, habe ich ihnen zu verdanken!“, erzählte er. Als 1951 das Stalindekret erlassen wurde, das besagte, dass die albanische Kirche nur leben darf, wenn sie sich von Rom trenne, forderte die Regierung vom Klerus: „Ihr müsst von Rom los, sonst werdet ihr alle vernichtet werden.“ Für Kardinal Simoni war klar, dass er treu zu Rom stehen wolle und so begann für ihn und viele Mitbrüder eine Katakombenzeit. Heimlich studierte er weiter und wurde im Jahr 1956 zum Priester geweiht. Unerschrocken predigte er auch als junger Priester: „Wir müssen notfalls alle bereit sein, für Christus zu sterben.“ Da das Volk in großen Scharen zu dem jungen Priester kam und ihm folgte, wurde er als eine Gefahr für das atheistische System gesehen und empfing nach der Messe am Heiligabend seinen Haftbefehl und sein Todesurteil. Der junge Priester wurde schwer gefoltert, aber überlebte, denn: „Gott wollte mich am Leben erhalten.“ In einer Zelle erwartete er Tag für Tag die Vollstreckung seines Todesurteils. Ein guter Freund wurde gezielt in seine Zelle geschickt, um ihn zu einer Provokation zu verleiten. Dieser schimpfte nämlich auf das Regime und den Diktatur, Kameras filmten heimlich diese Szene. Kardinal Simoni fiel jedoch nicht auf diese Falle herein. „Wir müssen jeden Menschen annehmen und lieben, in jedem das Gute sehen und so nach dem Beispiel Christi Frieden, Vergebung und Liebe bewahren“, meinte er nur. Dem Diktator gefiel diese Antwort und so wurde das Todesurteil nicht vollstreckt. Doch noch viele Jahre sollte der standhafte Geistliche im Gefängnis bleiben. Heimlich, auf Lateinisch feierte er dort mit einigen Weintrauben, die Besucher mitbrachten und die er auspresste, und mit Brotkrumeln die hl. Messe unter den Gefangenen und sammelte viele Menschen um ihn. So empfand er das Gefängnis nicht als Last, sondern ließ Christus als guten Hirten, der den Sündern, den Gefangenen nachgeht, auch dort gegenwärtig werden. Nach 18 Jahren im Gefängnis musste er noch 10 Jahre lang nachts das Wasser der Kanalisation reinigen – eine Arbeit, die mit großem Gestank verbunden war und die keiner freiwillig tun wollte. „Oft war ich 500 Meter unter der Erde, aber die Hand Gottes war immer über mir. Ich vertraute auf Gott und er hat mich beschützt“, erzählte er. Als das Schlimmste während seiner Gefängniszeit sah er die Tatsache, dass er den Tod Tag für Tag sehen musste. Als das Schönste die Tatsache, dass die Präsenz Christi auch im Gefängnis zu spüren war. „Christus lebt, man kann ihn nicht töten. Man kann auch in Gefangenschaft in tiefer Verbundenheit mit Christus leben“, so seine Überzeugung. Allen Zuhörern gab er den Rat, am echten Glauben festzuhalten, Christus als Weg, Wahrheit und Leben anzunehmen und füreinander zu beten.

Mit seinen 89 Jahren wirkte er noch ganz jung im Geist. Er war am Wochenende am Medjugorje-Pilgertag zugegen, zelebrierte die Samstagabendmesse, nahm an der abendlichen Lichterprozession teil, und hielt das Hochamt am folgenden Tag, an dessen Ende er auch den Päpstlichen Segen spendete. Während der Kommunionausteilung kniete er die ganze Zeit aus Ehrfurcht nieder und beeindruckte die Anwesenden mit seiner Demut, Ehrfurcht und natürlich besonders mit seiner Botschaft, dass der Glaube jedes Opfer wert ist und Gott letztlich der Sieger ist. Als ein schönes Bild des Sieges Gottes sah er die große Ehrung, die Albanien, dessen Regime ihn einst zu Gefängnis und Zwangsarbeit verurteilt, ihm schließlich zuteil werden ließ: Es verlieh ihm den höchsten Preis des Landes. Papst Franziskus, der den alten, glaubenstreuen Priester 2014 traf, verlieh ihm 2016 die Kardinalswürde.

(Bilder und Text: Doris de Boer)