Videos / Texte
(Videos von Hans-Jürgen Schmitz, Kevelaer)

 


Öffnung der Pilgerpforte durch Bischof Dr. Felix Genn, Münster
 


Predigt von Bischof Dr. Felix Genn, Münster (Teil 1)


Predigt von Bischof Dr. Felix Genn, Münster (Teil 2)

 
Predigt von Bischof Dr. Felix Genn
aus Anlass der Eröffnung der Wallfahrt 2010
in Kevelaer am 01.05.2010

 
Lesung zur Predigt: Joh 14,7-14.
 
 
Verehrte, liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
liebe Schwestern und Brüder aus den Gemeinden hier in Kevelaer,
liebe Pilgerinnen und Pilger,
verehrte, liebe Gäste aus den anderen christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften,
liebe Schwestern und Brüder aus nah und fern!
 
Von meiner Seite aus danke ich zunächst dem Rektor der Wallfahrt, Herrn Domkapitular und Pfarrer Dr. Stefan Zekorn, für diese Ehre, als Bischof unseres Bistums heute die große Wallfahrt am zweitgrößten Wallfahrtsort der Bundesrepublik eröffnen zu können. Es ist für mich sehr bewegend, in meiner Tätigkeit als Bischof für eine solche Gebetsstätte verantwortlich sein zu dürfen; und ich danke allen, die das Jahr hindurch – vor allen Dingen auch im Hintergrund – daran mitwirken, dass die Menschen, die von überall hierher kommen, sich wohl fühlen und eine Atmosphäre finden, die geprägt ist vom Geist des Gebetes und der Gastfreundschaft.
 
Ich freute mich, als ich Namen hörte, die mir aus meinen zurückliegenden Jahren vertraut sind, ob Essen-Frintrop, Bottrop-Herz-Jesu, oder Andernach, dass ich mit so vielen Schwestern und Brüdern heute hier mitbeten und mich unter das Wort Gottes stellen kann. In besonderer Weise heiße ich die Kolpingschwestern und –brüder willkommen. Ein starkes Zeichen, hier an dieser Stätte, am Tag des ersten Mai, am Tag, an dem in besonderer Weise der Welt der Arbeit gedacht wird! Ich grüße ganz besonders unseren Diözesanpräses.
 
Liebe Schwestern und Brüder, in den kommenden Wochen der Wallfahrtszeit wird in den Feiern der Eucharistie immer wieder die Botschaft erklingen, die wir auch heute als Text aus dem Johannesevangelium gehört haben, die kleine Szene, die sehr dicht ein inneres Anliegen Jesu darstellt. Am Kreuz hängend weist er seine Mutter Maria auf den Jünger, den er liebt, hin, und empfiehlt den Jünger der Mutter. Und umgekehrt spricht er zu dem Jünger die schwerwiegenden Worte: „Siehe, deine Mutter“ (Joh 19,27); und dann fügt der Evangelist Johannes hinzu: „Von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich“ (ebd).
 
Liebe Schwestern und Brüder, über dieses Wort möchte ich mit Ihnen nachdenken. Was heißt das, wenn es dort gesagt wird: Von dieser Stunde an nahm der Jünger sie zu sich? Was heißt das für Sie? Natürlich kann man unmittelbar daran denken: Jesus hat in dieser letzten Stunde seines Lebens daran gedacht: Wie wird wohl meine Mutter versorgt sein? Sie kennen den wunderbaren Choral aus der Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach, in dem er genau dieses Motiv besingt im Anschluss an das Wort des Evangelisten: „Er hat alles wohl bedacht.“ Bach denkt ausdrücklich daran, dass Jesus für seine Mutter sorgt. Aber dann bleibt, liebe Schwestern und Brüder, dieses Wort doch sehr persönlich und im Rahmen der familiären Beziehung Jesu und seiner Mutter.
 
Sie als Kevelaerer können vielleicht denken: Ja, aber wir nehmen schon seit fast 400 Jahren dieses Wort ernst, denn die Menschen, die hier in Kevelaer leben und arbeiten, die sich angesiedelt haben um diese Gnadenkapelle, sie haben die Mutter zu sich genommen. Sie haben sozusagen rein äußerlich und sicherlich oft auch ganz innen dieses Wort Jesu ernst genommen und wahr gemacht. Und die vielen tausenden von Menschen, die Jahr für Jahr auch über die Wallfahrtszeit hinaus nach Kevelaer pilgern, tun es auf ihre eigene Weise. Sie nehmen die Mutter zu sich. Sie beziehen sie ein in ihr persönliches Leben, in ihre Sorgen und Anliegen, seien sie klein oder groß, aber sie gehört zu ihnen.
 
Jedoch möchte ich Sie einladen, liebe Schwestern und Brüder, noch ein wenig tiefer zu horchen. Ich habe mich dabei leiten lassen. Was kann das jungen Menschen, den Messdienerinnen und Messdienern zum Beispiel hier in Kevelaer, die so oft bei der Eucharistiefeier während der Wallfahrt dieses Wort hören, was kann das für sie sagen: Maria zu sich zu nehmen, aufzunehmen? Vielleicht ist da gerade ein Junge, der eine freundschaftliche Beziehung zu einer Maria oder jemand anderen aufnimmt: Aber: Maria aufnehmen, die Mutter des Herrn!
 
Wenn jemand beginnt, mit einem anderen Menschen eine Beziehung aufzunehmen, dann tut er das ja nicht, weil er von dieser Beziehung persönlich etwas erwartet – das gibt es auch: Man muss sich mit jemandem gut stehen, weil man sich davon Vorteile erhoffen kann, das kennt jeder. Oder man beginnt eine Beziehung, an der einem eigentlich im tiefsten Inneren gar nicht liegt, aber man verzweckt den anderen, um zu seinen eigenen Zielen zu kommen.
- Aber bei einer Freundschaft, bei einer tiefen menschlichen Beziehung wirkt etwas anderes: Ich nehme diesen Menschen in mein Herz auf. Ich mache mir seine Gedanken zu Eigen, ich versuche Heimat zu finden in der Gemeinschaft mit dem anderen. Ich versuche, bei ihm Zuhause zu sein, ihn in mein Leben einzulassen und umgekehrt das Geschenk zu erfahren, in sein Leben eintreten zu können und dadurch weiter zu werden: Aus der Enge meiner persönlichen Perspektive und meines eigenen Horizontes hinausgeführt zu werden in andere Dimensionen.
 
Liebe Schwestern und Brüder, das ist hier gemeint, wenn der Evangelist davon spricht: Von dieser Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. Dem geht voraus, dass Jesus seine Mutter auf seinen Jünger hinweist, auf den Jünger, den er liebt. Sie spüren schon an dieser Formulierung, dass es Jesus hier um mehr geht als diesen Einzelnen, diesen Johannes, diesen Liebesjünger, sondern er steht sozusagen typisch, stellvertretend, für all die, die Er liebt. Sie empfiehlt er seiner Mutter. Sie, die Mutter, soll in deren Leben eintreten, soll sich deren Leben so zu Eigen machen, wie sie sich während der Lebenszeit Jesu das Leben ihres Sohnes zu Eigen gemacht hat. Wenn wir da einmal hinein blicken, verstehen wir auch den umgekehrten Vorgang. Wenn Maria Jesus aufnimmt, wie eine Mutter das mit ihrem Kind tut, und wer verstünde diesen Zusammenhang nicht, dann heißt das für sie, dass sie immer mehr an Ihm ablesen durfte, wie Gott ist. Durch den Umgang mit Ihm erfahren, wie Gott ist. Indem sie mehr und mehr Sein Gesicht sah, durfte sie Gottes Gesicht schauen. Indem sie Sein Denken kennen lernte, lernte sie kennen, wie Gott denkt. - Vielleicht würden wir es als despektierlich ansehen, aber Jugendliche sprechen so: Wie Gott tickt! - Indem sie Ihn bei Seinem Handeln erleben durfte, durfte sie erfahren, wie Gott handelt. Sie hatte sich darauf eingelassen, das Wort, das ihr von Gott kam, in ihrem Leben aufzunehmen, Ihm Raum, Ihm Heimat zu geben, in diesem Wort Zuhause sein zu können: „Mir geschehe nach deinem Wort“ (Lk 1,38), sagt sie nach dem Ausweis des Lukasevangeliums als Antwort auf die Botschaft, Mutter Gottes zu werden. Das trägt sie durch bis in diese leidvolle Stunde unter dem Kreuz. Auch da nimmt sie noch einmal das sie übersteigende und für sie letztlich unverständliche Wort auf, jetzt auf die zu schauen, die er liebt. Deshalb beantwortet der, der sich von Jesus geliebt weiß, dieses Angebot damit, die Frau aufzunehmen, die Gott aufgenommen hat. Wer Maria in sein Leben einlässt, lässt Gottes Wort in sich ein, spürt immer mehr, dass die Worte, die er sagt, so wie wir es eben aus dem Johannesevangelium (Joh 14,7-14) gehört haben, dass diese Worte, die er sagt, nicht aus ihm selbst sind, sondern vom Vater kommen, der in ihm bleibt. Wer Maria aufnimmt, weitet den Horizont, weil er Gott zum Thema macht, weil er Gott einlässt in eine Welt, die nicht an Gott denken möchte, die meint, man könne es auch ohne ihn versuchen und sei besser dran, das Leben würde weiter, wenn Gott endlich ausgeschaltet ist. Wer aber Maria aufnimmt, wird konfrontiert mit der Frage: Wie hältst Du es mit Gott? Nimmst Du diesen Gott auf, der da in Jesus sein Gesicht gezeigt hat und seine Gedanken erkennen lässt, sein Handeln spürbar, erfahrbar macht?
 
Liebe Schwestern und Brüder, es ist nicht einfach bloß ein individuelles, auf mich bezogenes Geschehen, wenn ich zur Wallfahrtsstätte nach Kevelaer komme, sondern ich werde „automatisch“ geweitet, über meine persönlichen Sorgen und Bedrängnisse hinaus auf die Wirklichkeit Gottes, so dass ich immer mehr spüre: Ich kann eigentlich nur das erbitten, was im Sinne Gottes ist. Ich kann nicht egoistisch beten, sondern ich gehe das Risiko ein, dass meine Gedanken verändert werden, dass ich eine Kehrtwende einlegen muss.
 
Ich habe mir das einmal so klar gemacht: Wenn ich durch die Promenade von Münster gehe, die um die Innenstadt herum führt, begegne ich vielen Menschen, die joggen. Sie haben meistens einen Walkman im Ohr – Ihr werdet wahrscheinlich schon einen MP3-Player nehmen. – Die Musik hört sonst niemand, nur der, der das trägt, und dann hat man plötzlich die Melodie im Ohr. Sie ist wie ein Ohrwurm, geht immer mit. So ist es eigentlich mit dem Wort Gottes, liebe Jugendliche aus Kevelaer, liebe Pilgerinnen und Pilger, liebe Schwestern und Brüder: Ein Wort mitnehmen, gewissermaßen die Botschaft, die Sie hier ganz persönlich hören, via MP3-Player Wortverkündigung in Kevelaer, ein Wort mitnehmen, dann lassen Sie Gott ein, dann machen Sie es wie Maria, dann sagen auch Sie: „Mir geschehe nach Deinem Wort.“ Sie werden spüren, wie Papst Benedikt XVI. einmal gesagt hat: „Wer von Gott her denkt, denkt gut. Wer von Gott her kommt, wird gut.“ Wer spürt, wie man Gott gemäß denken und handeln kann, kann auch erfahren, dass Jesus recht hat, wenn er sagt: „Alles, um was ihr in meinem Namen bittet, werde ich tun“ (Joh 14,13). In meinem Namen bitten – es kann sein, dass er manches nicht erfüllt, weil es nicht in seinem Namen ist. Aber es kann sein, dass ich freier werde, weil ich von der Fixierung auf mich selbst gelöst bin und plötzlich spüre, dass seine Wege besser sind. „Alles, um was ihr in meinem Namen bittet, werde ich tun.“ Ja, er vertraut uns sogar an, dass es möglich ist, größere Werke als er zu tun. Sie haben recht gehört: „Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen und er wird noch größere vollbringen“ (ebd. 12).
 
Jesus setzt darauf, dass sein Wort in uns eine Fruchtbarkeit entfaltet, die größer ist. Hat Maria nicht in den 400 Jahren hier große Werke gewirkt, auch wenn wir es nicht wissen? Würde Jesus vielleicht sagen: Was Mutter Teresa getan hat, war noch ein größeres Werk als das, was ich in den drei Jahren an den Armen und Hungernden tun konnte? Können nicht auch wir dazu beitragen, dass die Welt die Erlösung, die Christus am Kreuz erwirkt hat, noch tiefer empfängt, gerade da, wo wir ganz massive Schuld bis in unsere innerste Kirche erfahren? Maria aufnehmen, das heißt die aufnehmen, die uns sagen kann: „Es lohnt sich, mit Gott zu leben.“ Darum möchte ich bitten in dieser Wallfahrtszeit, weil nur so das Motto dieser Wochen und Monate Wirklichkeit werden kann: „Ihr sollt meine Zeugen sein“ (Apg 1,8). Indem wir aus dem Wort kommen, indem wir mit Maria dem Wort Raum geben und sagen: „Mir geschehe, wie Du, Gott, es gesagt hast“ (Lk 1,38).
 
Amen.
 
 
 
Liebe Schwestern und Brüder,
jetzt habe ich noch sozusagen ein kleines Geschenk, das ich versprochen habe.
 
Lieber Herr Bürgermeister Dr. Stibi, stellvertretend als erster Bürger der Stadt haben Sie mich am 6. Juni des vergangenen Jahres hier so herzlich empfangen und alle Schwestern und Brüder aus den Gemeinden Kevelaers, zusammen mit dem Dechanten, dem Rektor der Wallfahrt und vielen, vielen, die vielleicht auch heute Morgen hier sind. Das hat mich so berührt, dass ich, während wir zur Gnadenkapelle zogen, dachte: Du hast eigentlich überhaupt kein Geschenk mitgebracht, außer deinen eigenen Sorgen, die du Maria für den Dienst als Bischof von Münster anvertrauen wolltest. Das kam mir etwas wenig vor. Dann fiel mir ein, dass ich kurz vorher von dem Privatsekretär von Papst Johannes Paul II., der jetzt als Erzbischof in Lemberg tätig ist, einen Ring aus dem Schatz von Johannes Paul II. geschenkt bekam. Da habe ich gedacht – den Ring hatte ich aber nicht dabei –, der gehört Kevelaer und Maria. Das möchte ich jetzt wahr machen.