375. Jubiläum sind 375 Jahre Verbundenheit zwischen Kevelaer und Luxemburg

„Nie vergessen wir die Tage, welche wir auf der Heide am Niederrhein bei der ‘Trösterin der Betrübten’ verbracht haben“

 

Von Marc Jeck, Luxemburg

«Ohne Luxemburg ist Kevelaer nicht zu denken», sagt der Rektor der Wallfahrt in Kevelaer, Domkapitular Rolf Lohmann. Seit 1642 wird eine Ikone der Luxemburger Stadt- und Landespatronin im niederrheinischen Kevelaer verehrt[1]. Der 375. Jahrestag der Einsetzung des Kevelaerer Gnadenbildes symbolisiert somit ein gutes Stück marianische Vernetzung zwischen der Europastadt Luxemburg und dem „Europa des Glaubens“ Kevelaer.

Bereits 1895 zeichnet Michel Engels die ‘Trösterin der Betrübten’ vor die Skyline der Städte Luxemburg und Kevelaer[2]. 1920 würdigt der Ehrendomherr der Kathedrale Michael Faltz die « innigen Bande des Tochterbildes mit dem Mutterbilde »[3]. In seiner Dissertation über die Kevelaerer Wallfahrtsgesänge aus dem 17. und 18. Jahrhundert hat Rainer Killich 1992 der « engen Freundschaft zwischen Kevelaer und Luxemburg » ein Kapitel gewidmet[4]. Nicolas Wirtz spricht anlässlich des 350. Jubiläums der Kevelaer-Wallfahrt von der « marianischen Verwandtschaft » zwischen Luxemburg und Kevelaer[5].

Erst das Aufkommen der Eisenbahn erleichtert den gegenseitigen « Wallfahrtsverkehr ». Nicht umsonst befindet sich wohl gerade im Luxemburger Bahnhofsviertel ein Fassaden-Relief mit der Darstellung der «N(otre)-D(ame) de Kevelaer»[6].

 

Der erste gewichtige Austausch zwischen Kevelaer und Luxemburg geschah anlässlich des 200. Jubiläums der Erwählung der Consolatrix Afflictorum zur Stadtpatronin Luxemburgs. Am 21. April 1866 schrieb der Kevelaerer Rektor Joseph an Ackeren an den apostolischen Vikar und späteren (ersten) Bischof von Luxemburg Nikolaus Adames « einen längeren  Brief », wo die Intention bekundet wird, eine Delegation aus dem niederrheinischen Wallfahrtsort nach Luxemburg zu schicken und « als geringes Zeichen der Verehrung und Teilnahme eine in Silber gravierte Kopie des Tochterbildes der Mutter zu Füßen zu legen »[7]. Der preußisch-österreichische Krieg hinderte jedoch die Kevelaerer daran, den Jubiläumsfeierlichkeiten beizuwohnen. Somit mußte das 16 x 12 cm große Weihegeschenk mit der Post versandt werden. Noch heute ziert diese Silberplatte mit dem Gnadenbild von Kevelaer alljährlich den Votivaltar während der « Muttergottesoktav », nicht zu Füßen der Mater Filiae sondern hoch über dem Gnadenbild hängend.

 

«Kevelaria Luxemburgo»

Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben: 300 Pilger aus Kevelaer reisen im Kontext der Trierer Heilig-Rock-Wallfahrt des Jahres 1891 – die öffentliche Zeigung der Tuchreliquie von 1891 ist übrigens vom damaligen Luxemburger Bischof Jean J. Koppes initiiert worden[8] – ins benachbarte Luxemburg zur «Mutter der Tochter». «Als die Kevelaerer Pilgerschar am Luxemburger Bahnhof in einer numerischen Stärke von etwa 100 Personen eintraf, staunten die Wallfahrer nicht schlecht, als sie dort vom kompletten Klerus des Domes und einer stattlichen Anzahl Luxemburger erwartet und schließlich in einer feierlichen Prozession in den Dom geführt wurden»[9]. Die Kevelaerer hatten eine 33 Pfund schwere Kerze dabei mit der Inschrift «Kevelaria Luxemburgo, filia matri, anno 1891, sept. 30»[10].

 

Der Gegenbesuch der Luxemburger erfolgte im August 1892 – pünktlich zum 250. Jubiläum der Kevelaerer Wallfahrt. Und auch die mit der Eisenbahn angereisten Luxemburger – 200 Laien und 70 Geistliche – hatten ein Geschenk für die Filia matri: Die Wallfahrer «zogen betend hin zur Gnadenkapelle, wo der Bischof (Koppes) eine Votivkerze opferte und der Mutter Jesu ein sinniges Geschenk darbrachte. Es bestand aus zwei Rosenzweigen in stark vergoldetem Silber und trug auf weißem Email die Aufschrift: ‘Mater Ex Lvcilibvrgo Filiae In Kevelaer Gratvlans Ista Donavit’.» Für das kostbare Exvoto, das zuvor in einem Luxemburger Juweliergeschäft ausgestellt worden war[11], ist das Email nach den Grundsätzen der Rheinischen Schule ausgeführt worden[12]. Dieses Weihegeschenk ziert bis auf den heutigen Tag das Gnadenbild in Kevelaer.

 

«Nie vergessen wir die Tage, welche wir auf der Heide am Niederrhein bei der Trösterin der Betrübten verbracht haben »[13], so lautet das Fazit der Pilgerfahrt im August 1892, die sowohl in Luxemburg als auch in Kevelaer in den Medien einen gebührenden Niederschlag gefunden hatte.

Der Pilgerzug von 1892 ist nicht nur für die gemeinsame Wallfahrtsgeschichte von großer Bedeutung. Der Besuch in Kevelaer hat die Luxemburger auch in die Bilderwelt des Künstlers Friedrich Stummel (1850-1919) entführt. Drei Jahre später wird der Kunstmaler aus Kevelaer mit der Ausschmückung des Altarraumes der Kathedrale U.L.F. von Luxemburg beauftragt. In der ikonografischen Deklinaison der Hochzeit von Kana hat sich Friedrich Stummel als Schriftgelehrter im Porträt verewigt. Mit dem Lehrmeister des Luxemburger Malers Nicolas Brücher hält ein gutes Stück Kevelaer für immer Einzug in die Heimstätte der ‘Trösterin der Betrübten’.

Wenn der Erste Weltkrieg den «Kevelaer-Luxemburg-Express» etwas abbremste, so gab es immer wieder Pilger aus Luxemburg, die nach Kevelaer kamen bzw. Pilger vom Tochterbild, die an den Luxemburger Gnadenort reisten. Eine gewichtige Begegnung, die in der Sekundarliteratur kaum beachtet wurde, war der Besuch des Bischofs Peter Nommesch im September 1922 in Kevelaer. Zehntausende Pilger brachten dem Luxemburger Oberhirten nach der Lichterprozession vor dem Priesterhaus am Kapellenplatz eine ergreifende Ovation dar[14]. Als Vikar an der Kathedrale weilte Peter Nommesch öfters in Kevelaer, hatte der Geistliche doch «tätigen Anteil» an den Stummelschen Ausmalungen im Liebfrauendom.

«Den Zugang zur Empore ist beim Hochamt ausschließlich den Sängern aus Kevelaer vorbehalten»

 

Im Jahre 1933 (Christus-Jahr; Heilig-Rock-Wallfahrt Trier) pilgerten 500 Kevelaerer im Rahmen einer Pfarrwallfahrt nach Luxemburg[15]. Eine Luxemburger Delegation weilte erneut in Kevelaer im Kontext des gewichtigen Pax Christi-Kongreßes des Jahres 1948, der unter dem Vorsitz des Bischofs von Lourdes ein Stück deutsch-französische Versöhnungsgeschichte schrieb. Drei Jahre später bildeten 150 Pilger aus Kevelaer eine zahlenmässig starke Gruppe in der Schlussprozession der «Muttergottesoktav»: es war die erste Teilnahme der Kevelaerer in der «Oktav» nach dem Zweiten Weltkrieg.

Weitere Höhepunkte waren die 300-Jahrfeier der Erwählung der Gottesmutter zur Stadtpatronin Luxemburgs (1966) sowie das 350. Jubiläum der Kevelaer-Wallfahrt (1992). Am 14. Mai 1966 pilgerten 700 Kevelaerer zum Mutterbild und hatten im Gepäck eine Votivkerze mit dem Schriftzug „Matrem Jubilantem Filia Peregrinans salutat“ (Die pilgernde Tochter grüßt die jubilierende Mutter) und eine in Gold gefasste Elfenbeinplatte, auf der das Bild der Trösterin der Betrübten in Gold aufgelegt ist[16]. Der Kevelaerer Basilika-Chor und Orchester gestalteten das Festhochamt in der 1963 konsekrierten Kathedrale von Luxemburg mit u.a. Joseph Haydns Theresienmesse. Bereits 1933 hatte eine große Sängerschar vom Niederrhein auf der Empore der ehemaligen Jesuitenkirche Platz genommen: «Den Zugang zur Empore ist beim Hochamt ausschließlich den Sängern aus Kevelaer vorbehalten, denen der verfügbare Raum nicht einmal genügen wird»[17].

Der Besuch von 300 Kevelaerer am 10. Mai 2014 anlässlich des „Kevelaerer Tages“ in der Stadt Luxemburg reiht sich die Reihe der denkwürdigen Gegenbesuche ein, die seit 1891 in unregelmässigen Zeitintervallen die Freundschaft zwischen den beiden Marienwallfahrtsstätten immer wieder neu beflügelt haben. Die Basilikamusik, der Männerchor und der Musikverein feierten ein Fest der Freude und gestalteten die „Nacht der Kathedralen“ in Luxemburg. Als Dank wurde die gewichtige Delegation aus Kevelaer von der Stadt Luxemburg in den unterirdischen Bock-Kasematten, der Wiege der Stadt Luxemburg, empfangen während auf dem „Place d’Armes“ der Verkehrsverein aus Kevelaer die Werbetrommel mit Infomaterial – und einem Pilgertropfen – rührte.

Jahr für Jahr sind die Pilger aus Kevelaer ein fester Bestandteil der Oktavfeierlichkeiten. Mit ihren goldenen Medaillen mit dem Abbild der „Trösterin der Betrübten“ sind sie authentische Zeugen für eine gelebte Marienfrömmigkeit und gern gesehene Gäste in der ehemaligen Festungsstadt. Seit Jahren wird die Gruppe durch das engagierte Ehepaar Koppers aus Kevelaer nach Luxemburg und Echternach geführt.

Im Zugehen auf das 375. Jubiläum wurde im Jahr 2014 auf Initiative des Historikers Marc Jeck eine Straße im Europaviertel der Hauptstadt des Großherzogtums nach dem niederrheinischen Gnadenort benannt.

Auf eine besondere Ikone der Kevelaer-Luxemburg-Beziehungen sollte zum Schluss hingewiesen werden: das «Kevelaer-Evangeliar» aus dem Hause Polders, das 1991 der Kathedrale von Luxemburg geschenkt wurde. «Viele Stifter haben aus großer Dankbarkeit, Freude und Ehre für die Kevelaerer Himmelskönigin, der Tochter der Mutter von Luxemburg, dieses Evangeliar fertigen lassen, mit vielen Überlegungen des Pastors Richard Schulte-Staade», schreibt der Goldschmied Wilhelm Polders aus Kevelaer[18]. Anlässlich des 100. Jahrestages der ersten Wallfahrt der Kevelaerer kam das Evangeliar nach Luxemburg. Im Rahmen des «Kevelerer Tages» in Luxemburg am 10. Mai 2014 präsentierte der emeritierte Wallfahrtsrektor Richard Schulte Staade einem breiteren Publikum das prachtvolle Stück.

Und so wird am 3. Juni 2017 ein Stück weit an der Kevelaer-Luxemburg-Geschichte weitergeschrieben, wenn eine Delegation von rund 75 Pilger aus Luxemburg an den Jubiläumsfeierlichkeiten teilnimmt.

[1] Ein Kupferstich der Luxemburger Madonna, die heute in der dortigen Kathedrale zur Verehrung einlädt, wurde während des Dreißigjährigen Kriegs von Soldaten an den Niederrhein gebracht. Der Pfarrer von Geldern setzte es schließlich am 1. Juni 1642 in den vom Kaufmann Hendrik Busmann in der Kevelaerer Heide errichteten Bildstock ein. Seitdem wird Luxemburg als die „Mutter“ der „Tochter“ Kevelaer bezeichnet.

[2] Siehe Titelseite in HELD Louis: Maria, die Mutter Jesu, die Trösterin der Betrübten in ihrem Gnadenbild zu Luxemburg und Kevelaer. Luxemburg 1895.

[3] FALTZ Michael: Heimstätte U.L. Frau von Luxemburg. Luxemburg 1948 (3. Auflage). Seiten 14-18.

[4] KILLICH Rainer: Adrian Poirters ‘Het Pilgrimken van Kevelaer’. Rekonstruktion historischer Kevelaerer Wallfahrtsgesänge aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Münster 2001, Seiten 28-31.

[5] WIRTZ Nicolas: Luxemburg und Kevelaer ‘marianisch verwandt’. In : Consolatrix afflictorum. Das Marienbild zu Kevelaer. Kevelaer 1992, Seite 275.

[6] Die Herkunft und der Auftraggeber des Gnadenbildes von Kevelaer in der rue de Strasbourg im Luxemburger Bahnhofsviertel konnten u.W. bis dato nicht festgestellt werden.

[7] FALTZ Michael. Luxemburg. (Anm. 10).

[8]Die Trierer Kirche hatte gerade den Hauptstoß des Bismarckschen Kulturkampfes hinter sich, als sich der Luxemburger Bischof öffentlich auf dem Katholikentag 1887 in Trier für eine « andächtige Verehrung » des Heiligen Rockes aussprach und somit seinen Freund, den Trierer Bischof Dr. Felix Korum, zur Wiederausstellung der Tunica Domini ermutigte. An der Wallfahrt 1891 beteiligten sich rund 30.000 Luxemburger, die zum ersten Mal das Bahnnetz für das Wallfahren benutzten.

[9] KILLICH Rainer. Münster. (Anm. 11).

[10] Luxemburger Wort vom 30. September 1891, Seite 2.

[11] Luxemburger Wort vom 11. August 1892, Seite 2.

[12] « Im Gegensatz zur französischen Schule (Limoges) wählt die rheinische hellere, dem Auge wohltuendere Farben ».

[13] FALTZ Michael. Luxemburg. (Anm. 10)

[14] Luxemburger Wort vom 9. September 1922, Seite 3.

[15] KILLICH Rainer. Münster. (Anm.11).

[16] KILLICH Rainer. Münster. (Anm. 11).

[17] Luxemburger Wort vom 20. Mai 1933, Seite 3.

[18] Brief vom 10. März 2014 von Wilhelm Polders an den Autor.